Gedenken heißt Erinnerung, aber auch Handeln

Mathias Günther

Am 27. Januar wurde in Hildburghausen und Schleusingen der Opfer des Naziregimes gedacht. Mehrere Rednerinnen machten dabei klar, das die Erinnerung an die Opfer von damals eine Verpflichtung zum Handeln im Heute ist.

An der gemeinsamen Gedenkveranstaltung der Stadt Hildburghausen, des Kreisverbandes der Linken und der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes- Bund der Antifaschisten Südthüringen nahmen neben Bürgermeister Patrick Hammerschmidt und dem ersten Beigeordneten des Landkreises Dirk Lindner auch erstmals Schüler des Gymnasiums Georgianum teil. 

Vor der Gedenktafel für die 1938 im Keller des Rathauses zusammengetriebenen und deportierten Hildburghäuser Juden und an der Stele am Standort der letzten Hildburghäuser Synagoge wurden Blumengebinde abgelegt. Die anwesenden Schüler stellten einen von ihnen erstellten Podcast zur Geschichte der jüdischen Mitbürger vor.

RednerInnen forderten in eindringlichen Beiträgen dazu auf, das Gedenken an die Opfer der Naziherrschaft nicht nur als Erinnerung an Vergangenes zu begehen, sondern in der Gegenwart offensiv Menschenfeindlichkeit und Antisemitismus entgegenzutreten.

Pfarrer Nikolaus Flämig benannte insbesondere die menschenverachtenden Forderungen von AfD- Vertretern nach der Einrichtung von Menschenjagdkommandos nach dem Vorbild der amerikanischen ICE als verabscheuungswürdig und warnte vor der realen Gefahr einer erneuten Machtübernahme durch die extreme Rechte in Deutschland.

Ein eindringliches Plädoyer für Antifaschismus enthielt auch der Redebeitrag von Heidrun Schwalbe.

Ihre Rede dokumentieren wir hier:

 

Liebe Kameradinnen und Kameraden,

werte Gäste,

 

im Namen des Thüringer Verbandes der Verfolgten des Naziregimes / Bund der Antifaschisten begrüße ich Sie sehr herzlich zum heutigen Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus hier in Hildburghausen.

Mein Name ist Heidemarie Schwalbe. Ich bin Mitglied des Landesvorstandes, betreue in Suhl das Stolpersteinprojekt und habe gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern das dortige Bündnis für Demokratie und Toleranz, gegen Rechtsextremismus ins Leben gerufen. Diese Arbeit erfüllt mich – und sie verpflichtet mich.

„Gedenken neu denken“ – so lautet der Titel eines Buches der jungen Journalistin und Influencerin Susanne Siegert. Ein Satz, der mich seitdem begleitet. Denn ja: Der Toten zu gedenken, den ermordeten Antifaschisten, den Jüdinnen und Juden, den Verfolgten und Entrechteten – das ist wichtig. Es ist notwendig. Aber es ist auch die einfache Seite des Erinnerns. 

Blumen niederzulegen, Kränze zu setzen, kann das Gewissen beruhigen, darf aber nicht zur Selbsttherapie werden. Und es beantwortet nicht die entscheidende Frage: Wie leben wir heute miteinander?

2021, im Festjahr „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“, fanden unzählige Veranstaltungen statt. Sie zeigten Vielfalt, Geschichte, Gegenwart. Sie machten mir Hoffnung. Hoffnung darauf, dass wir gelernt haben, dass wir wachsam bleiben, dass wir jüdisches Leben als selbstverständlichen Teil unserer Gesellschaft schützen und feiern.

Doch diese Hoffnung hat Risse bekommen. Der 7. Oktober 2023 – der größte Massenmord an Jüdinnen und Juden seit der Shoa und seine Folgen veränderten vieles. Mich erschüttert zutiefst: alter Hass, alte Ressentiments, die plötzlich wieder salonfähig erscheinen. Jüdinnen und Juden werden in Deutschland in die Täterrolle gedrängt. Drohungen, Gewalt, Übergriffe auf Synagogen gehören in ganz Europa wieder zum Alltag. Viele denken an Auswanderung. 

Stellen Sie sich das vor: Menschen, die hier leben, hier arbeiten, hier zu Hause sind – und die sich fragen müssen, ob sie hier noch sicher sind. Das ist ein Alarmsignal. Ein lautes, schrilles, unüberhörbares.

Und was ist mit den Antifaschisten, insbesondere mit der Antifa? Auch sie werden zunehmend pauschal verunglimpft. Verbote werden gefordert, Schlagworte ersetzen Differenzierung. Dabei ist die Antifa – wie jede gesellschaftliche Bewegung – nicht homogen. Und ja, es gibt Methoden, über die man streiten kann. Aber es gibt auch Situationen, in denen Zivilcourage nicht nur notwendig, sondern entscheidend ist.

 Ich möchte ein Beispiel aus Suhl nennen: 2015 marschierte Sügida – ein von Neonazis dominierter Ableger von Pegida – durch unsere Stadt. Mit deutlichen NS-Symbolen. Und sie wollten an der Stele für die zerstörte Synagoge vorbeiziehen.

Der bürgerliche Protest war machtlos, denn die Route war genehmigt. Die Neonazis wären

ungehindert an diesem Ort vorbeimarschiert, der an die Entrechtung, Vertreibung und Ermordung unserer jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger erinnert.

Doch dann setzten sich junge Menschen der Antifa auf die Zugangsstraße. Sie blockierten – friedlich, entschlossen, mutig.

Und das war gut so.

Gedenken heißt nicht nur zurückschauen.

Gedenken heißt handeln.

Gedenken heißt Verantwortung übernehmen – heute, hier, im Alltag, im Gespräch, auf der Straße, in unseren Vereinen, Schulen und Gemeinden.

Wenn wir „Gedenken neu denken“, dann heißt das:

Wir dürfen uns nicht mit Ritualen zufriedengeben, nicht die Toten ehren und ihre Erben diffamieren. Wir müssen uns fragen, wie wir eine Gesellschaft gestalten, in der Menschen nicht wieder Angst haben müssen, weil sie jüdisch sind. Oder weil sie sich antifaschistisch engagieren. Oder weil sie sich für Demokratie einsetzen.

Die Opfer des Nationalsozialismus mahnen uns. Sie mahnen uns, nicht wegzusehen. Sie mahnen uns, nicht zu schweigen. Sie mahnen uns, mutig zu sein – auch dann, wenn es unbequem wird.

Ich danke Ihnen, dass Sie heute hier sind. Ich danke Ihnen, dass Sie gedenken. Und ich danke Ihnen, wenn Sie aus diesem Gedenken Haltung machen. Denn nur dann hat Gedenken eine Zukunft. Die Förderung jüdischen Lebens und der entschlossene Widerstand gegen faschistoide Tendenzen sind keine Randaufgaben, die man einigen wenigen Engagierten überlassen kann. Sie sind keine Nischentat, kein Spezialgebiet für besonders Politische oder besonders Mutige. Sie sind eine gesamtgesellschaftliche und europäische Kernaufgabe – eine Aufgabe, die unmittelbar mit der Freiheit aller Menschen verbunden ist.

Wenn jüdisches Leben bedroht ist, ist unsere Demokratie bedroht. Wenn Antifaschisten diffamiert werden, geraten die Grundlagen unseres Zusammenlebens ins Wanken. Wenn Hass wieder lauter wird als Menschlichkeit, dann ist es an uns, aufzustehen – klar, sichtbar, jeden Tag.

Darum lasst uns gemeinsam dafür einstehen: 

Für ein Europa, in dem jüdisches Leben sicher und selbstverständlich ist.

Für eine Gesellschaft, die Faschismus in jeder Form entschieden zurückweist.

Für eine Freiheit, die niemandem vorenthalten wird.

Diese Verantwortung tragen wir gemeinsam – heute, morgen und an jedem Tag, der kommt.

 

Fotos: Mathias Günther