Die kurze Zeit der Unidad Popular: Was bleibt vom demokratisch- sozialistischen Versuch?
Es war ein interessanter wie lehrreicher Abend: Patrick Beier skizzierte die kurze aber nachhaltig wirkende Geschichte der chilenischen Volksfrontregierung unter Salvador Allende.
Können (west)europäische Linke aus der kurzen wie ereignisreichen Phase der chilenischen Volksfrontregierung etwas lernen? Das diskutierten die Teilnehmer der Veranstaltung „Chile- Sozialismus durch die Wahlurne?“ am vergangenen Dienstag im Büro der Landtagsabgeordneten Linda Stark.
Eingangs umriss Referent Patrick Beier die Geschichte der „Unidad Popular“ (Vereinigte Volksfront).
Unter für Lateinamerika ungewöhnlich stabilen politischen Verhältnissen zeichnete sich Chile Ende der sechziger Jahre durch eine funktionierende parlamentarische Demokratie und Parteienvielfalt aus. Die soziale Ungleichheit im Land war allerdings groß und führte immer wieder zu enttäuschten Erwartungen. Der seit 1964 regierende konservative Präsident Eduardo Frei Montalva versuchte sich an einer Agrarreform und ließ auch die bis dahin in US- amerikanischem Privatbesitz befindlichen Kupfervorkommen nationalisieren („Chilenisierung“).
1969 gründete sich das Bündnis „Unidad Popular“. Neben der Kommunistischen Partei, MAPU, API, einer christdemokratischen Abspaltung, kleinen radikalen Gruppen und Gewerkschaften war die Sozialistische Partei darin federführend. Deren charismatischer Mitbegründer, der 1908 in Valparaiso geborene Arzt Dr. Salvador Allende Gossens, wurde zur unumschränkten Symbolfigur des neuen Bündnisses. Mehrfach hatte der Senator schon für Präsidentschaftswahlen kandidiert, wegen seiner Volksnähe und hohen Integrität nannten ihn seine Anhänger „El Chicho“.
Bei den Präsidentschaftswahlen 1970 wurde das Wahlmindestalter erstmals auf 18 Jahre gesenkt, Allende und seine UP gewannen diese Wahlen. Ihr Ziel: Weitere Verstaatlichungen als Grundlage einer verbesserten Sozialpolitik, Fortführung der Agrarreform, Alphabetisierung sowie kostenlose Bildung und Gesundheitsversorgung, Unterstützung von antiimperialistischen Bewegungen und Stärkung der „nationalen Selbstbestimmung gegenüber den USA“.
1971 beschloss das Parlament einstimmig die vollständige Verstaatlichung des Kupfersektors ohne Entschädigung. 8,5 % Wirtschaftswachstum konnten in Sozialprogramme investiert werden, unter anderem in die kostenlose Milchversorgung in Schulen.
Doch schon kurz nach dem Wahlsieg der UP bekämpften einflussreiche US- Kreise die junge Regierung: Inzwischen frei gegebene Dokumente belegen, dass Präsident Nixon die CIA anwies, Allendes Regierung zu Fall zu bringen. 1970 initiierte Präsidentenberater Henry Kissinger ein tödliches Attentat auf den loyalen Militäroberbefehlshaber Rene Schneider. Getreu der Nixon- Anweisung „Make economy scream“ kam es zu Kreditsperren für Chile, wurde die Einfuhr von ausländischen Gütern nach Chile unter Verletzung bestehender Verträge behindert. Zeitgleich erfolgte eine geheime Finanzierung der Opposition, welche die Stimmung im Parlament polarisierte. Rechte Medien wie „El Mercurio“ heizten die Stimmung an, es folgten 1972 unter dem Eindruck einer Inflation Streiks wie die von Transportarbeitern.
Am 11.September 1973 beginnt in Valparaiso durch Marineeinheiten der Militärputsch, dem schon zu Beginn 3000 „Verschwundene“ zum Opfer fallen. Der Präsidentenpalast „Moneda“ wird von der Luftwaffe bombardiert. Allende weigert sich, zurückzutreten, hält eine letzte Radioansprache und tötet sich angesichts des bevorstehenden Sturms auf seinen Sitz selbst. Kopf der Verschwörer ist General Augusto Pinochet. Skrupellos nutzte er Allendes Vertrauen in die demokratische Gewaltenteilung aus und versichert ihm noch am Tag vor dem Staatsstreich seine Loyalität.
Es folgt eine blutige Militärdiktatur bis 1990: Dem Terror der Geheimpolizei DINA fallen Zehntausende Gefolterte zum Opfer, die USA spulen ihre „Operation Condor“ ab. 1976 starb in deren Rahmen bei einem Attentat der ehemalige Diplomat Orlando Letelier in Washington.
Noch weitreichender waren die Auswirkungen auf die Wirtschaftspolitik. Unter dem Einfluss der so genannten „Chicago boys“, einer Gruppe chilenischer Oberschichtangehöriger, welche in den USA studiert hatten, erfolgte eine radikale Marktöffnung und Privatisierungswelle, außer im Kupfersektor.
Chile wurde zum Experimentierfeld des Neoliberalismus, welcher dem fatalen Irrglaube huldigt, das der „Markt“ alles regeln würde. Die Ergebnisse sprechen gegen diesen Glauben: Längst hat sich auch in Chile die soziale Ungleichheit verfestigt, gibt es neue Versuche, sozialen Protest in politische Bündnisse zu leiten. Allende selbst wird heute öffentlich geehrt, landesweit wurden viele Gedenkstatuen für ihn errichtet. Die aktuelle Regierung versucht selbst, progressive Elemente in ihrer Politik umzusetzen, welche in der Tradition des Programms der Allende- Regierung stehen.
Heute steht das Beispiel der Unidad Popular für den Versuch, in einer bürgerlichen Gesellschaft tiefgreifende soziale Reformen mittels demokratischer Instrumente umzusetzen. Sie stellt damit auch eine Alternative zum revolutionären Befreiungsakt dar und bleibt Inspiration für demokratische Sozialisten in Europa wir auch in Chile selbst.
Foto: Faksimile “Freies Wort” (Hildburghausen) vom 07.10.2025

