Beklemmende Geschichtsstunde
Die letzte Ausgabe der Hildburghäuser "Allerweltsgespräche" im Jahr 2025 widmete sich einem beklemmenden Thema der deutsch- deutschen Geschichte.
Am 19. Dezember 1975 erschoss der NVA- Deserteur Werner Weinhold bei seiner Flucht aus der DDR zwei junge Angehörige der Grenztruppen in der Nähe von Harras.
50 Jahre später bewegt dieses Verbrechen noch immer in der Region Hildburghausen. Das beweist das hohe Interesse an einem kürzlich im Rahmen der Hildburghäuser „Allerweltsgespräche“ zu diesem Thema gezeigten Film.
Der ehemalige Lehrer Hans- Jürgen Lau, Hobbyfilmer und Betreiber des Schmiedemuseums Hirschendorf, gehört zu den Menschen, welche das damalige Geschehen nicht loslässt. Als Zeitzeuge hat er die Dramatik der Ereignisse in jenen kalten Dezembernächten von 1975 in einer Videoproduktion einzufangen versucht.
Eingangs schildert Lau darin die politische Entstehungsgeschichte der militärisch gesicherten Staatsgrenze und lässt keinen Zweifel daran, dass er die Öffnung der Mauer 1989 als positiv empfand. Ausgehend von Ulbrichts Pressekonferenz vom 15.Juni 1961 („Niemand hat vor, eine Mauer zu bauen“), geht die Produktion auch auf beklemmende Ereignisse wie die Zwangsaussiedlungen 1952 („Aktion Ungeziefer“) ein. Heute vereinzelt in Ost- wie Westdeutschland geäußerten Forderungen, „die Mauer“ und damit auch die bis 1989 auf jedem einzelnen der 1400 Kilometer langen Grenze 1-1,5 Millionen Mark teure Sicherung wieder „hochzuziehen“, kann Lau nichts abgewinnen.
Er selbst wurde erst mit 27 Jahren zum obligatorischen Grundwehrdienst eingezogen, leistet diesen im Hildburghäuser Objekt der Grenztruppen von November 1974 bis April 1976 ab. So gehörte er 1975 auch zu den insgesamt 8000 Personen, welche in die tagelange Suche nach dem fahnenflüchtigen Werner Weinhold einbezogen waren.
Weinhold, ein 1949 geborener Kraftfahrer, entfernte sich am 15.12. 1975 von einem Wachdienst im 14. Panzerregiment der NVA in Spremberg, ausgestattet unter anderem mit einer Langwaffe AK47 und 360 Schuss Munition. Das letzte der insgesamt drei entwendeten und benutzten Fluchtfahrzeuge stellte er in Schackendorf ab. Er verbringt anschließend mehrere Tage in einer Scheune, stiehlt Lebensmittel und Getränke, bevor er 93 Stunden nach Fluchtbeginn den Signalzaun der Grenzsicherungsanlagen ohne Auslösung überwindet. Er findet den Posten 401 der inzwischen alarmierten Grenztruppen und schießt aus geringer Entfernung sofort auf diesen. Der 1954 geborene Klaus- Peter Seidel und der 1955 geborene Jürgen Lange, Angehörige der in Eishausen kasernierten 10.Grenzkompanie des 9. Grenzregiments Meiningen sterben bei Temperaturen von unter – 20 Grad Celsius noch im Grenzabschnitt. Weinhold überwindet die Grenze und lässt sich später in der Nähe von Coburg von einem PKW- Fahrer bis Bamberg mitnehmen. Ein weiterer Zeitzeuge, der damalige Zugführer Uwe Auerswald, schildert im Anschluss an den Film, wie er beide Opfer am Tatort vorfand. Eine Obduktion der Leichname bestätigte später, dass beide Grenzer ihre Schusswaffen nicht benutzt hatten, wie Weinhold später vor westdeutschen Gerichten behauptete.
Für den Staat DDR entwickelte sich der Fall Weinhold neben der menschlichen Tragödie, die zwei junge Menschen das Leben kostete, auch zum sicherheitspolitischen Desaster.
Als der gewöhnliche Berufskriminelle Weinhold 1976 eingezogen wurde, fiel niemandem auf, dass er inzwischen wegen 54 Autodiebstählen und Unfallbeteiligungen, aber auch Sittlichkeitsdelikten schon aktenkundig war. Unerlaubte Entfernungen während des Wehrdienstes führten nicht dazu, dass ihm der Einsatz als Kfz.- Spezialist, mit Zugang zu Fahrzeugen und Bewaffnung, entzogen wurde. Die Fahndung nach ihm wurde mit fünfstündiger Verspätung ausgelöst, Weinhold hatte sich bereits auf der Autobahn weit in Richtung Süden der DDR bewegt und konnte dabei auch eine Kontrolle der Volkspolizei mit vorgehaltener Maschinenpistole überwinden. Ein bei der späteren Suche eingesetzter Fährtenhund verlor seine Spur an einem Wildwechsel. Eine großangelegte Suche durch Bereitschaftspolizei und 3 alarmierte Grenzregimenter blieben erfolglos. In der Bevölkerung des Grenzgebiets herrschte, auch auf Grund nichtgegebener Informationen, Angst. Erst im Laufe des 19.Dezember ergeben Kontrollen des sechs Meter breiten Spurenkontrollstreifens (K6) durch Grenztruppen und Kriminalpolizei fest, dass Weinhold die Flucht gelungen war. Das Weinhold in der BRD vor Gericht gestellt wurde, verstand dieser nicht. Mit der Begründung mangelnder Kooperation seitens der DDR bei der Auslieferung von Originalakten zu dem Fall wurde er in einem ersten Prozess vor dem Schwurgericht Essen freigesprochen. Die in der DDR für solche Straftaten noch mögliche Todesstrafe und die fehlende Bereitschaft der Bundesrepublik, die staatliche Souveränität des zweiten deutschen Staates anzuerkennen, dürften die politischen Beweggründe für eine verständnisvolle Behandlung Weinholds gewesen sein. In einem zweiten Verfahren wird Weinhold vor dem Hagener Landgericht wegen Totschlags in zwei Fällen und bewaffnetem Kfz.- Raub zu fünfeinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. 1982 wird er vorzeitig aus der Haft entlassen. Weinhold blieb auch im Westen kriminell und wurde 2005 wegen schwerer Körperverletzung erneut verurteilt. Ein vom Ministerium für Staatssicherheit eröffneter „operativer Vorgang Terrorist“ hatte das Ziel, Weinhold in der BRD zu töten, wurde aber nicht umgesetzt.
Die dramatischen Ereignisse vom Dezember 1975 stehen exemplarisch für die Auswirkungen der Blockkonfrontation des „Kalten Krieges“. Hans- Jürgen Lau beendete seinen Vortrag auch mit einem Ausblick auf die seit 1990 überwundene Teilung Deutschlands.
Interessenten haben auch am Freitag, dem 21.11.2025 um 19.30 Uhr in Herbarthswind Gelegenheit, den Film zu sehen und mit Hans- Jürgen Lau ins Gespräch zu kommen.
Fotos: Mathias Günther


